Von Michael Fischer, Basel
04.04.2002 FTD
Der blutrünstige Kuss der Untoten ist die reinste Form entfesselter Erotik. In der australisch-amerikanischen Vampir-Produktion „Die Königin der Verdammten“ zelebriert Regisseur Michael Rymer immer wieder genüsslich das sexuelle Moment des zum sadistischen Biss pervertierten, blutsaugerischen Kusses.
Der Filmheld und jugendliche Vampir Lestat giert ständig nach den schlanken Hälsen junger Mädchen. Lestat ist überhaupt die Gier in Person: Ganz untypisch für seine Art verlangt es ihn nach einem endlichen Leben, nach Ruhm und Macht. In der lasziven wie melancholischen Gestalt des irischen Schauspielers Stuart Townsend hat dieser Untote einen lebhaften Meister gefunden.
Nach Hunderten von Jahren im Schattenreich wird Lestat eines Nachts in seinem steinernen Grab bei New Orleans von einem mitreißenden Geräusch geweckt: Die fetzigen Rhythmen zeitgenössischer Rockmusik der Sparte Gothic drangen auf mysteriöse Weise in sein Ohr. Fasziniert vom morbiden Charme der Musik, erkennt er sich selbst darin wieder und beschließt, Musiker zu werden. Denn ein Rockstar, sieht Lestat hellsichtig, ist die einzige Identität auf Erden, die Ruhm und Macht und jede Menge Mädchen verspricht.
Als Vampir heuert er bei einer Band an, die sich fortan „Lestat the Vampire“ nennt und mit ihren Gothic-Punk-Rock-Weisen ihre Klientel – Nachtmahre aus Absurdistan und Menschen zwischen den Geschlechtern – verzaubert. Nach dem Motto „sex, blood and rock’n’roll“ mischt sie Nacht für Nacht einen ganz besonders verrufenen Londoner Pub auf: das „Admiral’s Arms“ – kein Zufall, dass dieser Club bereits vor einigen Jahrhunderten Treffpunkt der Jünger schaurig blutiger Rituale war.
Diese Einsicht ist der jungen und hübschen Jesse (Marguerite Moreau) zu verdanken, die in dem Londoner Institut für paranormale Ereignisse den unaussprechlichen Dingen zwischen Himmel und Erde beruflich nachgeht.
Seit sie Lestats Video gesehen hat, ist Jesse zudem von einer unerklärlichen Unruhe getrieben, den Rockstar persönlich kennen zu lernen. Während des einzigen Openairkonzerts im kalifornischen Death Valley lernt nicht nur sie, sondern auch eine tausendköpfige Fan-Gemeinde den Vampir-Horror als Showgeschäft kennen. Oder umgekehrt: das Showbusiness als Blutsaugerei. War da etwa noch mehr zwischen Bühne und Boden, Himmel und Hölle?
Seit seinen Anfängen hat sich das (Stummfilm-)Kino bravourös des Vampir-Genres bedient. Im Vorspann zu seinem Film zitiert der australische Regisseur Michael Rymer kongenial Clips aus Robert Wienes „Cabinet des Dr. Caligari“ (1919), Murnaus „Nosferatu“ (1922) und Tod Brownings „Dracula“ (1930), jenem Vampir-Filmklassiker, der in der Person von Bela Lugosi den Untoten zum populären Filmstar machen sollte. Brownings Film basiert auf einem Theaterstück nach dem Roman von Bram Stoker, die filmische Neudichtung von Michael Rymer auf einem Roman der amerikanischen Autorin Anne Rice, die in den 90er Jahren mit ihren Vampir-Chroniken das Genre literarisch wiederbelebte.
Von Rice’ Roman blieb lediglich der Handlungsstrang, eine alles inallem etwas unübersichtliche Geschichte über Lestat, seinen Schöpfer Marius sowie die Königin der Verdammten, die Ägypterin Akasha. Dem Film hingegen ist es gelungen, eine unverwechselbare Form zu finden – mit Bauten und Landschaften, Kostümen und Make-up, Einstellungen, Kamerafahrten, Schnitt und nicht zuletzt mittels der selbstironischen Dialoge und rasanter Musik.
Der Regisseur Michael Rymer hat Elemente aus dem Kino der Expressionisten und den Werken der Surrealisten, Bilder aus dem Thriller-, Action- und Horrorgenre auf spektakuläre wie intelligente, wenn auch eklektizistische Weise zu einem Werk gemixt. Nicht das Schlechteste, was man heute über einen Film sagen kann.
Die Königin der Verdammten
Australien/USA 2001; 103 Min.; Regie: Michael Rymer; Darsteller: Stuart Townsend, Vincent Perez, Aaliyah